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Sylt früher einmal

Vom Ringen um die Sandburg

Am meisten bewundert haben wir Kinder die strategischen Burgenbauer. Eben angekommen, markierten sie am Strand – mit gehörigem Abstand zum Nachbarn – ihr Kreisrund wie mit einem Zirkel geschlagen. Während der Haushaltsvorstand in Unterhemd und kurzer Hose zu Werke ging, campierte seine Familie für den Rest des ersten Ferientags mit allem Hausrat im Sicherheitsabstand

Mächtig die Wälle, feucht noch und dunkel, aus dem Tertiär des Sandvorkommens ans Licht gehoben. Jetzt endlich war es Zeit, den Strandkorbwärter zu beordern, den geflochtenen Zweisitzer gegen ein Trinkgeld in die Zwingburg zu wuchten.

Tief unten im Kreisrund wurde es augenblicklich schattig und eng um den Korb, sollte der Ingenieur den Sandwalldurchmesser arbeitserleichternd zu klein bemessen haben. Fortan lagerten die Kinder außerhalb. Schlecht bestellt war es manches Mal auch um den Ausblick aufs Wasser. Um das Meer zu sehen, musste die Familie heraus aus der tief gelegten Burg.

Besitz verpflichtet. Mit der Fertigstellung einer wehrhaften Sandburg sahen sich endlich auch Frau und Kinder in den Dienst für die gemeinsame Sache eingespannt. Keine Zeit den Einzug zu feiern, Champagner am Strand hätten die Ingenieure des Wirtschaftswunders ohnehin als ungehörig abgelehnt. Ihr Urlaub war Arbeit mit anderen Mitteln. Schon kurz nach dem Einzug wurden Frau und Kinder geschickt, Muscheln eimerweise aus dem Flutsaum zu klauben, um endlich den Namen der Heimatstadt am planierten Sandwall auszulegen.

KÖLN das war schnell getan, machte sich aber hübscher in Doppelkonturbuchstaben. KÖLN und DÜSSELDORF in enger Nachbarschaft, das konnte Störungen nach sich ziehen. DONAUESCHINGEN konnte schon einen Tag für sich beanspruchen, in einfacher Schrift. Wenn der Haushaltsvorstand sich die Einwilligung abringen ließ, durften die Kinder nassen Sand im Plastikeimer verfestigen und die geballte Ladung wie Zinnen auf die Burgmauer stürzen. Das beförderte die wehrhafte Anmutung und verdarb nun vollends den Blick aufs Wasser.

Burgeingang

Im Strandgut fand sich immer ein Holzbrett, weil alle danach suchten allerdings erst in vier Kilometer Entfernung, trotzdem unentbehrlich wichtig um den Burgeingang zu sperren, wenn die Familie abends ihr Eigentum ohne Aufsicht und damit den Strandvandalen überlassen musste.
Empfehlenswert war es in den hohen Zeiten des Strandburgenbaus, mit allen Nachbarn ringsum sogleich gute Beziehungen zu pflegen. Anders als heutzutage im Hochhaus hatte eine solche Eigentümergemeinschaft immer ein Auge auf potentielle Wegelagerer.

Wehe, anderntags hatte sich dennoch ohne Anstand in der Wehrburg DONAUESCHINGEN eine Besetzerfamilie niedergelassen. Von feindlicher Übernahme bedroht waren insbesondere Eigner allenfalls mittelprächtiger Burgen ohne Strandkorb.Wegelagerer behaupteten gern zu ihrer Verteidigung, gerade diese Burg habe so verlassen, weil na ja man müsse das leider sagen, ungepflegt ausgesehen. Und eine offenbar herrenlose Burg sei doch nach Sylter Landrecht wie Strandgut zu betrachten.Ohne hilfreiche Nachbarn konnte sich aus solch einem Disput schnell ein Drama entspinnen, wenn die ausgesperrte wahre Eigentümerfamilie Beharrungsvermögen zeigen und womöglich einen Tag lang ihre eigene Burg ausdauernd belagern musste.

Sandburg fertig?

Am nächsten Morgen, so viel war klar, mussten die echten Eigentümer recht früh am Strand erscheinen.

Stolze Burgen zu okkupieren erforderte hingegen eine besonders grobe Missachtung fremder Plackerei.

Befand sich in der Wehrburg allerdings ein Strandkorb, so hatte der Erbauer jedes Recht auf seiner Seite – und die Quittung für die Wochenmiete.